Aus dem Leben eines Pendlers.


Es ist 18:05 Uhr. Ich sitze im Regionalexpress aus Hamburg. Seit einiger Zeit mache ich 10 Minuten früher Feierabend und steige im Hauptbahnhof ein. Ab Dammtor habe ich zu oft keinen Sitzplatz mehr bekommen. Heute läuft aber alles bestens. Ich sitze und der Schaffner hat gerade die Haltestelle Wrist angekündigt. Nur 3 Minuten Verspätung und den Bus der Line 15 sehe ich auch schon. Nicht mehr lange und ich sitze mit der Familie beim Abendbrot.

Nun der so oft geübte Sprung aus dem Zug und forschen Schrittes ab zum Bus. Der Motor läuft schon. Inzwischen ist es 18:06 Uhr. Unser Bus setzt sich in Bewegung. Vor mir reißen Menschen die Arme in die Luft und versuchen dem Busfahrer klar zu machen: „Hallo, wir sind die Hamburg-Pendler. Wir wollen noch mit!“

Der Bus überquert gerade den Bahnübergang. Der Fahrer reagiert nicht.
Ich bin inzwischen an der Haltestelle, der Bus auf der anderen Seite des
Bahndamms. Auch ich winke. Da schaut der Fahrer zu mir. Hat er gegrinst? Ich weiß es nicht. Jetzt hebt er beide Arme und zuckt mit den Schultern.Ach ja, der Fahrplan. Aber warum warten seine Kollegen eigentlich länger auf uns?

Am Bahnhof wird inzwischen heftig telefoniert. Eine Armada von Ehefrauen und -männern wird in Bewegung gesetzt, um die verlorenen Pendler einzusammeln. Einige haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht. Bis zu mir sind es 40 Minuten, wenn ich forsch gehe. Nur gut, dass ich noch gut laufen kann.

Gerade heute Mittag habe ich mit einem Kollegen über das Bahnpendeln
gesprochen. Er kommt aus Lüneburg. Dort gibt es sogar eine IC-Verbindung nach Hamburg. Ich denke gerade: „Ach wie schön wäre doch eine Bahnanbindung für Kellinghusen“, da hupt es neben mir. Eine Mitfahrerin aus der Bahn. Sie bringt mich bis vor die Haustür. Heute mal Glück gehabt. Danke!

Zuhause lese ich den Kommentar „Totes Gleis“ in der Rundschau. Guter
Glaube trifft auf die Erfahrungen eines Pendlers. Ich lese von gut
funktionierendem Busverkehr und dass das Geld für die Bahnprojekte
besser für die Sanierung der Straßen im Land verwendet werden sollte.
Ich weiß inzwischen, dass schlechte Politik ihren Preis hat. Dafür zahlen
wir letztendlich alle. In der Bahn und auf den Straßen. Das Geld für den
Bahnausbau wird sicher niemand in die Schlaglöcher der maroden Straßen in Kellinghusen stopfen...

Morgen darf ich ihn wieder erleben, den Nahverkehr in Schleswig-Holstein. Den Kollegen aus Lüneburg werde ich dann sicher wieder beneiden.

Rainer Senke, Kellinghusen


Foto: R. Senke